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Manuelles Splitgrade

Die klassische Vergrößerungsmethode

Wie geht man normalerweise beim Vergrößern auf kontrastvariablem Papier vor?

  1. Raten einer Gradation und einlegen des entsprechenden Filters in den Vergrößerer bzw. Einstellen der Werte am Multigrade- oder Farbmischkopf
  2. Anfertigen einen Probestreifens
  3. Aussuchen des "richtigen" Streifens und erstellen eines kompletten Abzugs mit der eingestellten Gradation und der gefundenen Zeit
  4. Oft erscheint der Print zu flau oder zu hart. Man muß also eine andere Gradation wählen; dadurch ändert sich in der Regel auch die Belichtungszeit und man fängt wieder von vorne an.

Beachten Sie folgendes: wenn Sie Papier, Vergrößerungsmaßstab und Blende festgelegt haben, bleiben Ihnen noch zwei Parameter, die Sie bestimmen müssen: Zeit und Gradation. Während eine Zeitmessung etwas alltägliches ist, ist eine Gradationsstufe nicht mehr so recht intuitiv erfaßbar.

Das Splitgrade-Verfahren zielt nun darauf ab, die Bestimmung der Gradation durch eine weitere Zeitmessung zu ersetzen. Anstatt der beiden freien Parameter Zeit und Gradation bestimmen wir nun zwei Zeiten.

Splitgrade-Theorie

Kontrastvariables Papier ist mit einer Mischung aus zwei verschiedenen Emulsionen beschichtet. Die eine arbeitet hart (kontrastreich) und ist nur für blaues Licht empfindlich. Die andere arbeitet weich (kontrastarm) und ist nur für grünes Licht empfindlich.

Betrachtet Sie Ihre Multigradefilter: für die Gradation 0 benutzen Sie ein gelbes Filter (oder entsprechende Einstellungen am Farbmischkopf). Das gelbe Filter läßt überhaupt keine Blauanteile durch (Blau ist komplementär zu Gelb), es wird also nur der weiche grünempfindliche Emulsionsanteil angesprochen. Umgekehrt: für die Gradation 5 benutzen Sie ein magentafarbenes Filter. Diese läßt überhaupt keine Grünanteile durch (Grün ist komplementär zu Magenta), und dementsprechend wird nur der harte blauempfindliche Anteil angesprochen.

Die Filter für die Zwischengradationen (0,5-4,5) bestehen aus einer Mischfarbe aus Gelb und Magenta, so daß die beiden Emulsionsarten in bestimmten Verhältnissen angesprochen werden und somit Kontrastabstufungen zwischen den beiden Extremen möglich sind.

Anstatt aber nun gleichzeitig die beiden Emulsionsanteile mit einem Filter anzusprechen, kann man dies auch nacheinander mit den beiden Extremfiltern 0 und 5 machen. Das ist Splitgrade:

Es wird zunächst mit Filter 0 belichtet, bis die Lichter gerade eben Zeichnung haben. Dieses Bild alleine würde sehr flau und kontrastarm wirken. Anschließend belichtet man "über die weiche Belichtung" mit Filter 5, bis die Schatten die nötige Dichte haben. Die Mitteltöne bilden sich hierbei quasi automatisch.

Der Splitgrade-Computer von Heiland

Die Firma Heiland Electronics bietet ein Gerät an, mit dem man das Verfahren computergesteuert durchführen kann. Das Gerät besteht aus einem Steuercomputer, einem umgebauten Farbmischkopf und einer Meßsonde. Man legt das Negativ in die Bildbühne ein und projeziert es auf das Grundbrett. Am Steuergerät stellt man die verwendete Papiersorte ein (viele Voreinstellungen verfügbar). Mit der Meßsonde mißt man die hellsten und dunkelsten Stellen des Negativs aus, der Computer ermittelt daraus die erforderliche Gradation und Belichtungszeit. Beim Start des Belichtungsvorgangs schwenkt das Gerät nun zunächst einen gelben Filter ein und belichtet die weiche Schicht. Vollautmatisch wird dann zu einem magentafarbenen Filter gewechselt und die harte Schicht belichtet. Das war's.

Hört sich toll an, sagen Sie? Ist es auch, ich habe schon mal mit so einem Gerät gearbeitet. Ihre Begeisterung könnte allerdings etwas schwinden, wenn Sie die Preisliste der Firma Heiland betrachten: das Gerät kostet - je nach Basisvergrößerer - so um die 1.200 Euro. Dafür kann man eine Menge Papier kaufen...

Nichts gegen das Gerät - es funktioniert perfekt, ist sehr hochwertig gebaut, und die Firma Heiland bietet einen sehr guten Support, die Software und die Liste der voreingestellten Papiersorten wird ständig erweitert und aktualisiert. Aber die Preisklasse ist doch schon etwas jenseits des üblichen Hobby-Budgets. Gebraucht sind die Geräte kaum erhältlich - wer es einmal hat, trennt sich anscheinend nie wieder davon ;-) Und schließlich: wollen Sie alles in der Duka einem Computer überlassen (auch wenn er individuell anpaßbar ist)...?

Schauen wir uns doch mal an, was das Gerät letztlich macht: es legt automatisch den Gelb- und den Magentafilter ein. Gut, dafür brauchen wir keinen Computer, das können wir so gerade eben noch selbst mit der Hand machen. Weiterhin bestimmt es die beiden Zeiten, mit denen jeweils belichtet werden muß. Können wir das nicht auch selbst...?

Manuelles Splitgrade

Natürlich können wir das selbst. Es dauert etwas länger als mit dem Heiland-Gerät, aber für nicht ausgegebene 1.200 Euro sollten wir damit leben können. Das Verfahren geht wie folgt:

  1. Legen Sie das Filter 0 (gelb) ein oder drehen Sie am Farbmischkopf den Y-Wert auf den Maximalwert und die M- und C-Werte auf 0.
    Fertigen Sie einen Probestreifen an, wählen Sie eine passende Belichtungseinheit (z.B. drei Sekunden). Achten Sie darauf, daß vor allem die Lichter von den Streifen erfaßt werden.
    Splitgrade 1 - weicher Probestreifen
    In diesem Beispiel wurden sechs Streifen aufbelichtet. Prüfen Sie, in welchem Streifen die Spitzlichter gerade noch eben reinweiß sind oder die Lichter gerade eben einen Ton bekommen, der etwas dunkler als das Papierweiß ist. Im Beispiel ist dies Streifen 3. Merken Sie sich also, daß Sie drei Belichtungseinheiten für Filter 0 verwenden müssen.
  2. Wenn Sie das komplette Bild auf diese Weise belichten (3 Belichtungseinheiten mit Filter 0) würden, sähe dies so aus:
    Splitgrade 2 - weiche Belichtung
    Diesen Print müssen Sie nicht unbedingt anfertigen, es hilft aber manchmal zu erkennen, ob man die Probestreifen in den richtigen Bildbereich gelegt hat.
  3. Im dritten Schritt belichten Sie wiederum zunächst den ganzen Print mit der Zeit für Filter 0, lassen das Papier aber danach im Vergrößerungsrahmen und wechseln den Filter 0 gegen den Filter 5 bzw. drehen am Farbmischkopf den Y-Wert auf 0 und den M-Wert auf Maximum. Nun machen Sie über die weiche Grundbelichtung eine weitere Probestreifenreihe mit Filter 5:
    Splitgrade 3 - harte Probestreifen
    Beachten Sie, daß der Probestreifen bereits mit "4" anfängt, d.h. der Streifen ganz rechts hat bereits vier Belichtungseinheiten bekommen. Das Filter 5 schluckt i.A. doppelt so viel Licht wie das Filter 0, daher brauchen Sie in der Regel auch mehr Zeit für den harten Belichtungsanteil als für den weichen.
    In diesem Beispiel wurden zunächst sieben Probestreifen gemacht und dann das ganze Bild nochmal mit drei Belichtungseinheiten belichtet, so daß der Probestreifen nun den Bereich von 4-10 Belichtungseinheiten umfaßt.
    Prüfen Sie nun, in welchem Streifen die tiefsten Schatten noch gerade eben nicht ganz schwarz sind - ich habe mich hier für Streifen 8 entschieden. Merken Sie sich wiederum, daß Sie 8 Belichtungseinheiten für Filter 5 benötigen.
  4. Würden Sie die weiche Grundbelichtung weglassen und nur die harte Belichtung durchführen, sähe das so aus:
    Splitgrade 4 - harte Belichtung
    Diesen Print brauchen Sie nicht zu erstellen, er dient nur der Illustration.
  5. Nun kommt das Finale: wechseln Sie zunächst zurück zu Filter 0 und belichten Sie mit den Werten aus Schritt 1 (hier: 3 Belichtungseinheiten). Lassen Sie das Papier im Rahmen, wechseln Sie zu Filter 5 und belichten Sie mit den Werten aus Schritt 3 (hier: 8 Belichtungseinheiten).
    Splitgrade 5 - Endergebnis
    Fertig! Ist doch ziemlich simpel, oder?

Anmerkungen

Als Abdeckung bei der Erstellung der Probestreifen benutzen Sie bitte ein dickes, garantiert lichtundurchlässiges Stück Pappe oder sogar dünnes Sperrholz. Auf keinen Fall einen alten Ausschußprint verwenden - Fotopapier ist i.d.R. nicht lichtdicht, d.h. Sie würden die abgedeckten Bereiche verschleiern. Halten Sie mal ein Blatt PE-Papier gegen eine Lichtquelle, dann wissen Sie, was ich meine. Die Schachtel des Fotopapiers sollte theoretisch zwar als Abdeckung geeignet sein, in der Praxis ist sie aber erst in Verbindung mit der schwarzen Folie lichtdicht (danke an Roman Rohleder für den Hinweis)!

Achten Sie darauf, daß Sie beim Filterwechsel bzw. beim Verstellen der Y- und M-Werte die Position des Vergrößerungskopfes nicht verändern. Scheint Ihnen das nicht möglich, so sollten Sie mit Filtern unter dem Objektiv arbeiten.

Bitte führen Sie die finale Belichtung genauso durch wie die Probestreifen. Beträgt Ihre Belichtungseinheit 3 Sekunden und brauchen Sie 3 Einheiten für Filter 0 und 8 Einheiten für Filter 5, so belichten Sie den finalen Print genauso in Einzelschritten und nicht mit einmal 9 Sekunden für Filter 0 und einmal 24 Sekunden für Filter 5.

Warum? Wenn Sie dreimal drei Sekunden belichten, geht Ihre Vergrößerungslampe in diesen 9 Sekunden dreimal an und drei mal aus. Belichten Sie neun Sekunden am Stück, so geht in dieser Zeit die Lampe nur einmal an und aus, die gesamte Lichtmenge in dieser Zeit ist also größer und der Print wird dunkler. Vernachlässigen können Sie dies allerdings, wenn Ihre Belichtungseinheit sehr lang ist (über 10 Sekunden).

Natürlich kann bei den Probestreifen auch nach der Blendenstufen-Methode gearbeitet werden.

Bei diesem Verfahren müssen Sie natürlich auch den Nachdunkelungseffekt des Papiers berücksichtigen. Bitte lesen Sie dazu meinen Artikel über den "Dry-Down"-Effekt. Sollte Ihr Dry-Down-Faktor z.B. 10% betragen und Ihre Belichtungseinheit bei 3 Sekunden liegen, so sollten Sie diese für den finalen Print auf 2,7 Sekunden verkürzen.

Das Verfahren funktioniert gut, wenn das Motiv klare große Flächen in den Schatten und den Lichtern hat. Manche Motive haben diese Eigenschaft aber nicht, sie bestehen aus vielen kleinen Motivteilen, auf die man keine Probestreifen legen kann. Nichtsdestoweniger ist das Verfahren weiterhin anwendbar, evtl. brauchen Sie einige Probestreifen mehr.

Ist das Bild sehr homogen, so kann man das Verfahren sogar noch vereinfachen: man macht sofort hintereinander einen vertikalen Probestreifen mit Filter 0 und einen horizontalen mit Filter 5. Das Ergebnis ist ein schachbrettartiger Probestreifen. Suchen Sie nun das Feld, das Ihnen am besten erscheint und zählen Sie ab, wieviele Belichtungseinheiten Sie jeweils für Filter 0 und Filter 5 benötigen. Liegt dieses Feld aber an einer "ungünstigen" Bildstelle, so kann man hier schnell vollkommen danebenliegen ;-)

Man kann auch zuerst die harte und dann erst die weiche Belichtung machen. Irgendwie scheint es aber schwieriger zu sein, so zu einem guten Ergebnis zu kommen. Welche Reihenfolge Sie aber auch bevorzugen - sie sollte bei den Probestreifen und dem finalen Print gleich sein.

Wie geht's weiter?

In dem oben beschriebenen Verfahren haben wir einen sogenannten "straight print" erstellt, d.h. das Bild hat an allen Stellen die gleiche Belichtung bekommen. Es hindert uns aber nichts daran, einzelne Stellen nach Belieben mit der weichen oder der harten Filterung nachzubelichten. So ist im Beispielbild die Stirn des Models recht hell, hier könnte man mit einer Schablone eine zusätzliche Belichtungseinheit mit Filter 0 anwenden. Hingegen ist die Zeichnung in der Jacke unten links noch recht schwach, hier könnte man lokal zwei Belichtungseinheiten mit Filter 5 zugeben.

Immer daran denken: ein S/W-Bild lebt nicht vom globalen Kontrast, sondern vom lokalen!

Das ist der Punkt, an dem die schematische Technik endet und die Erfahrung einsetzt. Meiner Meinung kommt man mit der manuellen Splitgrade-Technik aber wesentlich schneller zu guten Prints als mit dem klassischen Verfahren.

Sollten Sie Fragen oder Anregungen zu diesem Artikel haben, so schicken Sie mir bitte eine E-Mail!

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Artikelhistorie

2005-06-07
Ergänzung: Hinweis auf lichtdichte Pappe bei Probestreifen
2005-06-01
Erste Fassung